LADIES AND GENTLEMEN - NEUE AUSGABE, NEUES GLÜCK!
In dieser Abteilung, sehr verehrte Feuilleton-Liebhaber, finden Sie eine Auswahl Interviews welche in letzter Zeit geführt wurden. Bis alle 666 Interviews hochgeladen sind, dürft Ihr euch an dieser Stelle mal mit einem überaus umfangreichen BELA. B - INTERVIEW die Zeit vertreiben, welches erst kürzlich geführt wurde:
Bela B. hat mich mein Leben lang als Dauerohrwurm begleitet. In guten wie in schlechten Zeiten. Als Teenie prägten seine Songs meine Pubertät, später amüsierte ich mich köstlich über seinen expliziten Humor und heute verspüre ich einen Hauch von Nostalgie, wenn ich dessen Meisterwerke auflege und sich seine charismatische Stimme den Weg in Richtung meiner Lauschlappen sucht. Dafür wollte ich mich bei ihm bedanken, wozu ich die Möglichkeit vor dem Interview nutzte. Doch Bela ist nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler, Autor, Verleger, Synchronsprecher, Antifaschist, Fußballfan, Lover und nicht zuletzt Punkrocker. Und darum soll es die nächsten 50 Minuten gehen. Vorhang auf für Bela B. alias Dirk Felsenheimer.
Stefano: Ab heute sind „wir“ ja wieder im Krieg, was denkst du darüber?
Bela: Ab heute sind wir im Krieg im Libanon?! Das war zu erwarten, dass es nach dieser ganzen Euphorie, diesem ganzen Selbstfindungsprozess, den dieses Land hat, dass das einer der nächsten Schritte wird. Dass wir jetzt endlich eine eigene Armee haben, die da woanders einmarschieren kann. Offiziell geht die Bundeswehr in einer Friedensmission in dieses land, aber ich finde ein Land wie Deutschland sollte sich trotzdem vorsehen. Es ist ein wenig zu früh nach dem zweiten Weltkrieg schon wieder irgendwohin Soldaten zu schicken. Und so toll die Fußballweltmeisterschaft war und so wenig ich die Deutschlandfähnchen an den Autos verurteilen konnte, obwohl ich mich am Anfang damit sehr schwer getan habe, so wenig
möchte ich da jetzt weitermachen wo wir aufgehört haben. Die WM ist vorbei und jetzt sieht man ja auch nur noch diese ganz verdreckten und verrotteten Fahnen an den Autos und die passen ja ganz gut zu dem Beigeschmack, der bei solch kollektivem Patriotismusausbrüchen bleibt.
Stefano: Eigentlich war das doch absehbar, dass dieser Party Patriotismus, dieser Selbstfindungsprozess unangenehme Begleitumstände mit sich bringen würde.
Bela: Hmm, ob es da direkte Zusammenhänge gibt? Ich sehe die Gründe eher in der anhaltenden Wirtschaftsflaute, ob nun real oder geschaffen, und das ist ja kein Geheimnis, das weiß die Familie Bush am besten, dass außenpolitische Aktivitäten von innerpolitischen Problemen ablenken. Jetzt ist Deutschland plötzlich auch so weit. Jetzt sind wir plötzlich die Retter im Libanon und vergessen dabei, dass hier im Land gar nichts passiert. Große Koalition hin oder her, es ist nichts passiert für die vielen Arbeitslosen.
Stefano: Apropos Deutschlandfähnchen. Ich hab mich schon ein wenig gewundert, als ich im Playboy von Dir las, dass Du für die deutsche Nationalmannschaft bist. Ich hätte Dich, mit Verlaub, ein wenig anti-deutscher eingeschätzt.
Bela: Das hat was mit Sportgeist zu tun. Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass das bei Einigen nicht den gewünschten Ton trifft, wenn ich das sage. Was ich im Playboy aber genau gesagt habe ist, dass ich es Popper-mäßig finde, nur weil eine Mannschaft gut spielt, dann automatisch auch für diese zu sein. Das ist ein Länderwettbewerb und hat für mich vordergründig nichts mit Nationalstolz zu tun. Ich finde ganz einfach, dass die Mannschaft, die mich stellvertretend vertritt, meine Mannschaft ist. Wäre ich z.B. für Brasilien, ist das doch so, als wäre ein Berliner Bayern Fan. Deshalb hab ich das so gesagt. Anders wie beispielsweise Campino der sich da so als halber Engländer für England verzerrt, hö, hö, hat ja nix geholfen. Das ist so eine Sache. Ich bin da für klare Regeln und so wie ich das sage hat das nichts mit Nationalwahn zu tun. Mal ganz davon abgesehen, dass die Spieler der Nationalmannschaft mir mir nicht alle sympathisch sind, also nicht alle, aber einige. Ich hab neulich erst wieder gedacht, was der Odonkor für ein geiler Spieler sei, ich kann mich aber auch daran erinnern, als dieser mit den Dortmunder Amateuren gegen St. Pauli gespielt hat, wie scheiße ich den fand und unsympathisch, ich dachte was für ein Arschloch, das ständig Schwalben macht. Hat er bei der WM zwar auch getan, aber da hat er ja für mein Team gespielt, hehe, da fand ich den dann plötzlich cool. Das ist überhaupt das geile am Fußball, dass man dabei über Dinge redet und sagt, die man im restlichen Leben so eher nicht von sich gibt.
Stefano: So einen Song wie die Hosen oder Sportfreunde Stiller pro deutsche Nationalmannschaft würdest du aber nicht machen, oder?
Bela: Nein, nur muss man sagen, bei den Sportfreunden ist es auch wieder so eine Sache, das sind alles irre nette Typen, wir alle kennen die und haben irgendwann mit ihnen gespielt. Leute denen man nix vorwerfen kann und dann machen die auf einmal diese Rummelplatz Musik. Dann weiß man aber auch, dass sie das nur machen, weil das die aller aller aller größten Fußballfans sind und der Sänger auch irgendwie echt Eier hat. Der geht bei Rock am Ring zuden Hosen auf die Bühne und sagt zu Campino ins Mikro er wäre Bayern München Fan, das finde ich dann schon beeindruckend. Schwieriges Thema. Ich hab ja diesen „Wir thind SSuper“-Song gemacht vor der WM aufgrund dieser „Du bist Deutschland Kampagne“ die ich wirklich zynisch und furchtbar fand, welche auch ein Wegbereiter zu diesem neuen Nationalgefühl ist. Trotzdem kann ich diese momentane Euphorie nicht verurteilen. Die Leute ham sich einen Song einer Indie-Band zur Hymne gemacht, während finanziell aufwendig produzierte Songs von Grönemeyer und Konsorten floppten. Ich finde das eigentlich schon ganz gut. Man muss halt einfach nur aufpassen. Das gute an der WM war, dass - soweit ich das mitgekriegt habe - keine rechte Partei oder rechte Gremien die WM für ihre Interessen nutzen konnten.
Stefano: Naja, unterschwellig wohl schon, und hier und da noch ein paar Hooligans, aber die zählen wohl eher zur unpolitischen Fraktion und sehen den Kampf ebenfalls als Länderwettbewerb an. Soll heißen sie prügeln sich in erster Linie für sich selbst und nicht vordergründig für ihr Land.
Bela: In Dortmund sollte eine Hooligan-Schlacht stattfinden, am Rande des Spiels Deutschland gegen Polen, da war ich dabei, doch da ist in der Stadt nicht viel passiert.
Stefano: Betrachtet man die allgegenwärtige Party-Patriotismus Stimmung der Kids bzw. der Medien stellt sich die Frage ob es möglich ist einen Song wie „Wir thind SSuper“ in die Charts zu bringen? Ist es hierzulande überhaupt möglich einen Anti-Deutschen Song zu hypen? Wie reagieren MTV, VIVA und die anderen Kanäle derzeit wohl darauf? Hat sich schon jemand über den Song beschwert?
Bela: Wir hatten es tatsächlich anfangs vor haben den Song dann aber nicht als Single veröffentlicht, weil wir andere Sachen besser fanden. Ich bin für das Lied auch angegriffen worden, von Leuten die sagen: „muss das denn jetzt sein?“ So typisch BILD-Zeitung: kritische Stimmen zum Thema Deutschland, zum Thema Fahnenschwingen und Hymne singen, sind Spielverderber. Spielverderber im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft und der WM. Und daraufhin kamen plötzlich wirklich viele Leute zu mir und sagten mein Gott spinnst du denn? Du bist doch kein 68iger, was soll das denn? Nein natürlich bin ich das nicht, ich habe damals als Punk diese ständige Betroffenheit zum kotzen gefunden, warum sollte ich damals ein schlechtes Gewissen haben. Nicht mal mein Vater hatte was mit dem zweiten Weltkrieg zu tun und meine Großväter waren schon vor meiner Geburt tot. Ich finde es aber trotzdem wichtig, zu sagen, dass es Dinge gibt, die in diesem Land nicht gehen. Dieser ganze Über-Patriotismus, bis wir uns selbst wieder als Übermenschen verstehen.
Stefano: Unglaublich wer sich an der Kampagne alles beteiligt hat, man sollte meinen Künstler seien intelligenter.
Bela: Da sind wirklich alle dabei. Das muss man sich mal vorstellen, es gibt eine neue Show moderiert von dem Hybrid aus Popmoderatoren für die älteren Leute, Johannes B. Kerner, die heißt „Unsere schönsten Flecken in Deutschland“, und dafür wird geworben im Musikantenstadl, und da frag ich mich selbst, brauchen wir da nicht Grenzen nach rechts? Wird mir das nicht zu schwammig? Und ich geb mir selbst die Antwort, ja, es wird mir zu schwammig. Es geht mir wirklich gegen den Strich, dass die Staatsanwaltschaft Karlsruhe den NixGut-Versand an den Kragen will, weil die angeblich NS-Symbole benutzen, obwohl sie die im Sinne der Antifa einsetzen, mit durchgestrichenen Hakenkreuzen etc, aber die wollen das jetzt verschwinden lassen, ich vermute wegen der Aussenwahrnehmung, nach dem Motto: Keine Hakenkreuze mehr, keine Nazis mehr. Dabei hat der gemeine Nazi längst aufgegeben diese Symbole zu benutzen aufgegeben, außer ein paar Vollidioten in der Uckermark. Aber diese cleveren Nazis, die NPD z.B., die längst nach einem neuen öffentlichen Bild Ausschau halten, die möchte ich brandmarken können, ich möchte sagen können, hier, euer Zeichen ist das Hakenkreuz! Das brauch∂ ich auch für mich, da brauche ich Schwarz-Weiß-Denken, ich muss solche Sachen richtig scheiße finden können dürfen. Nichts ist für diese Niveau-Faschisten schlimmer, als ihre bürgerliche Fassade einzureissen, weil sie Angst haben, dass in diesem Land trotz aller Sympathien einiger Bürger für die Rattenfänger, halt doch die meisten Nazis verabscheuen.
Stefano: Stellt sich die Frage warum das Zeichen plötzlich auf den Index soll, das gibt‘s doch schon ewig?
Bela: Ja das gibt‘s schon ewig und die werden damit nicht durchkommen, das kann ich mir nicht vorstellen, das wäre wirklich abstrus. Es gibt da ja auch Stimmen dagegen ...
Stefano: In Baden-Württemberg hat sich beispielsweise eine prominente Politikerin, ich meine es war Ute Roth, aus Solidarität selbst angezeigt und gab zu Protokoll sie würde das Symbol auch tragen. Dem folgte eine Kampagne dagegen, der sich viele Leute anschlossen ...
Bela: Anderes Beispiel: Der Regisseur Fatih Akin ist in Hamburg angezeigt worden, weil er ein T-Shirt trug mit George Bush darauf, bei dem das „u“ in „Bush“ ein Hakenkreuz ist. Er wurde angezeigt wegen Tragen eines NS-Symbols, also nicht wegen Verunglimpfung des amerikanischen Präsidenten, und das ist jetzt wirklich schon hart, das ist eine neue Verurteilung von linkem Widerstand, und natürlich kommt man sich dabei manchmal vor wie so ein alter 68er. Man ist ja auch schließlich nicht mehr der Jüngste, wenn man dann so darüber nachdenkt, dass man wirklich so sehr an den alten Klassenkampf-Symbolen hängt, dass man wirklich zu den Spielverderbern gehört. Ich finde es grenzwertig zum Anfeuern der deutschen Nationalmannschaft im Stadion die Nationalhymne zu singen. Es hat mir einen Schauder über den Rücken gejagt als das geschah, nicht desto trotz waren das alles keine Nazis, es ist halt dieser neue Wunsch nach Identität, die sich die Volksseele aus der Kehle singt.
Stefano: Ich finde das nicht nur grenzwertig, sondern auch schon viel zu schwammig.
Bela: Es ist schwammig, ja. Ich finde es nicht schlimm wenn Leute sagen, sie leben gerne hier, und solche Dinge, aber man sollte dabei immer auch ein bisschen Distanz wahren.
Stefano: Du sagst selbst über dich du bist ein Lover und kein Fighter, also eher eine friedliche Natur. Wie stehst du zur Gewalt gegen Rechte, ist es für dich ein probates Mittel?
Bela: Das Problem ist halt, dass du nichts änderst wenn du einen Molotov Cocktail in ein Nazihaus wirfst. Du änderst aber wohl was, wenn du zu diesem Haus gehst und es ganz öffentlich als Nazihaus kennzeichnest, damit die Leute auf der Straße das sehn. Du änderst was an der ganzen Situation, was die Antifa auch macht, indem sie bekannt machst, wo Neonazis wohnen. Die sollen nicht ihre Ruhe haben, die sollen nicht ohne schiefe Blicke einkaufen gehen können, das ist ne Sache, die ich richtig finde. Kommen mir auf der Straße so Typen entgegen, mit eindeutigen T-Shirts und Symbolen, dann geh ich da nicht breitschultrig durch, außer ich hab gesoffen, hehe, aber ich bin nicht lebensmüde, das ist klar. Andererseits kann mich die Thematik so erregen, dass ich mir Gewalt gegen Nazis durchaus vorstellen kann, was es in der Vergangenheit, das ist schon etwas länger her, auch gegeben hat. Tja, allerdings gab‘s dann auch zurück, ähem. Ich finde das schon richtig, einzuschreiten, denen halt auch Probleme zu machen, schon alleine ihren Stolz kränken, wenn man dann einem Nazi eine reinhaut, dass der sich mal wie seine Opfer fühlt, nur brechen tust du sie in der direkten Konfrontation nicht.
Stefano: Es kann dir aber ein gutes Gefühl geben, zumal man seine Emotionen nicht immer zurückhalten sollte?
Bela: Man muss dann halt schlauer sein als die, sie outen und bloßstellen.
Stefano: Stichwort „outen“: Ich denke dein Song „Kauf nicht bei Nazis“ ist zwar gut gemeint, doch wie erklärt man den Kids, dass diese meistens getarnt sind und der Faschismus eher unterschwellig in der breiten reaktionären Masse stattfindet? Als „richtige“ Faschos kann man da viele von ja noch nicht mal bezeichnen, die machen vielmehr „nur“ Geschäfte mit den Rechten.
Bela: so wie beispielsweise dieser Dr. Frey von der DVU & Herausgeber der National-Zeitung, der Häuser an Sozialhilfeempfänger vermietet, welche dort zu größten Teilen aus Ausländern bestehen. Aber was ich mit diesem Titel meine ist was anderes. Ich meine kauft nicht die Parolen, wie sie sich inzwischen in der Öffentlichkeit darstellen, wie sie ihre Ziele verharmlosen und sagen: „ach komm, das ist jetzt ein demokratisches Land und wir wollen das nur zur Diskussion stellen, ob Ausländer auszuweisen sind und ähnliches, diese Blabla, das Spielen mit diesen Botschaften, das was die Böhsen Onkelz schon vorgemacht haben. Das Spielen mit so rechten, aber nicht so eindeutig zu vertretenden rechten Ideen, was dann andere Leute wie Fler weiterführen, einfach nur weil sie
merken, es gibt da ein großes Potential, welches bedient werden möchte. Und da geht’s nur um Geld. Das mein ich damit, Fler ist kein Nazi für mich und auch die Böhsen Onkelz waren nur eine kurze Zeit ihrer Karriere so was ähnliches wie Nazis, was man über Kevin sonst so weiß ist schon klar. Worum es geht ist dass diese nur mit diesen Spielereien Kohle machen, mit Ansichten, die die jungen Leute dann den rechten Gruppierungen zuführen. Und dann halt so einfache Sachen wie die Nationalzeitung nicht kaufen, oder Leute, die sich wirklich outen, nicht deren Ideen und Sprüche abkaufen. Unterstützt es
einfach nicht, seid da aufmerksam!
Stefano: Ich denke viele verkaufen auch beides, Mainstream und rechte Kacke.
Bela: Eben das ist auch die Gefahr, der Manager von Stöhrkraft …
Stefan: … Trini Trintop, hehe, ähem ne, Torsten Lemmer, inzwischen scheinbar reingewaschen von Christoph Schlingensief …
Bela: … der sitzt auch mit einem Mandat im Düsseldorfer Stadtrat, das ist so ein richtiger Nadelstreifen-Nazi wie man ihn sich besser nicht vorstellen kann, der ist zu allererst Geschäftsmann und seine Ideologie würde er auch jederzeit opfern für nen Euro (Anmerkung: Hat er inzwischen wieder und früher auch schon mehrmals, angefangen bei der FDP, dann rechts, dann links, dann oben, dann unten/Stiletti)
Stefano: Ja da gibt’s schon ein paar kluge Köpfe, wobei ich denke bei den Rechten ist es einfacher hochzukommen, da muss man kein großes Licht sein, wer schnell Karriere machen möchte, kommt dort schneller zum Zug, wenn er zumindest ein wenig was auf dem Kasten hat.
Bela: Ich hab auf alle Fälle gehofft, dass dieser Satz den ein oder anderen ärgert.
Stefano: Wie steht‘s um Deine Partei Politischen Aktivitäten? Immer noch KPD/RZ Aktivist, obwohl Du nicht mehr in Berlin lebst? Wie denkst Du allgemein über Spaß-Parteien wie die APPD, DIE PARTEI? Sinnvoll oder Unsinn? Ist mit Politik in Zeiten zu spaßen, in welchen die NPD widererstarkt?
Bela: Die KPD/RZ hat sich ja komplett in die APPD eingemeindet. Also meine parteipolitischen Aktivitäten und Ambitionen sind derzeit bei Null. Ich seh’ mich da eher als Unterstützer, so wie beim NixGut-Versand oder ähnliches. Ich war auf einem Konzert in der roten Flora bei „Wir sind Helden“, die ich sehr gerne mag.
Stefano: Ja? Ich erinnere mich an ein Ärzte-Konzert, als diese von euch total gedisst wurden.
Bela: Das ist so ein Band interner Gag, die sind bei den Ärzten sehr umstritten, also ich hab die nicht gedisst, ich mag die. Jedenfalls dort hab ich die Bookerin in der roten Flora kennen gelernt, die hat den Kontakt zu NixGut hergestellt und dann hab ich halt mit denen gesprochen wie ich da was machen kann, wie ich da was helfen kann.
Stefano: Sei es mit Charlotte Roche oder Lula, Duette scheinen Dir zugefallen. Wer wäre deine Traumpartnerin zu einem Duett deiner Wahl und wen würdest du dir aussuchen wenn Du „Somethin’ stupid“ wie einst Sinatra einsingen könntest?
Bela: O.K., also Somethin’ Stupid würde ich nicht mehr machen, weil Robby Williams das ja schon gemacht hat, mit der Dings hier, dieser Schauspielerin, äh…
Bodyguard: Nicole Kidman!
Bela: Nicole Kidman, genau! Aber meine Traumduettpartnerin habe ich auch schon versucht zu kontaktieren und ich hab ne neue Chance, weil ich jetzt ne Freundin von ihr kennen gelernt habe. Das wäre tatsächlich Joan Jett. Die hat schon mit Paul Westerberg ein Duett gemacht für diesen unwichtigen Tankgirl Film, bei dem sich nur der Soundtrack lohnt. „When a little blue bird, which has never said a word, starts to sing, ding dong …”, Keine Ahnung wie der Song heißt, total geil. Ich hab versucht sie zu kontaktieren. Das war vor ein paar Jahren, als ich versucht habe ein Duettalbum auf die Beine zu stellen. Die einzige die sofort zugesagt hat war Charlotte Roche und dann is ja zumindest daraus etwas geworden. Ich hab irgendwann später Peaches mal gefragt. Ich finde Peaches eine der relevantesten Künstlerinnen zur Zeit. Ich hab die in einer Kneipe kennen gelernt. Sie war irre nett und hat auch zugesagt, aber als es soweit war, war sie in Amerika mit ihrem eigenen Album beschäftigt. Peaches wiederum ist mittlerweile mit Joan Jett befreundet, weil die da mal so eine Coverversion gemacht hat und vielleicht, naja, wenn ich die einbisschen nerve, vielleicht komm’‚ ich dann irgendwann an die Nummer ran. Ansonsten natürlich Nancy Sinatra, aber über Lee Hazlewood kommt man nicht wirklich an Nancy Sinatra ran.
Stefano: Ja das Duett hat er ja auch produziert, oder?
Bela: Welches?
Stefano: Somethin’ Stupid.
Bela: Oh ja, klar. Er ist ja über ihren Vater Frank Sinatra zu ihr gekommen. Der hat Hazlewood engagiert, seine Tochter zum Gesangsstar zu machen. Ich hab ihn gefragt, ob er nicht Schiss hatte, wegen den ganzen Mafiagerüchten, da meinte Lee zu mir: „Hey Bela, wenn ich deine Tochter über Nacht zur Millionärin machen würde, was würdest du mir tun? Ein kleines Starlet, die in mittelmäßigen Filmen spielt und ein kleines Stimmchen hat und ich mach sie über Nacht zur Millionärin, würdest du mir dann nicht die Mafia auf den Hals hetzen? Das fand ich schon sehr geil. Er hat das natürlich mit seiner tiefen Marlboro-Stimme gesagt (Bela verstellt seine Stimme), ist ja klar.
Stefano: Wie kam‘s denn zu dem Duett mit Lee Hazlewood, kennt ihr euch?
Bela: Ja jetzt, ja. Ich bin einfach auf die Idee gekommen, weil der ja vor ein paar Jahren auf Tour in Deutschland war. Da hab ich den gesehen und hab gedacht, der hat ja echt Humor und auch, weil ich seit Ewigkeiten die Musik von ihm höre und mich das auch wirklich beeinflusst hat und das schon in den 80ern. So als Ausgleich zu den Punk-Sachen hab ich Eddie Cochran, Johnny Cash, Elvis und eben Lee Hazlewood gehört. Dann hab ich ihn live gesehen, und obwohl er fast das ganze Konzert über auf einem Hocker sass, hat sein Charisma den Raum gefüllt. Ich hatte eh seit einiger Zeit seine Platten gesammelt was echt ne Aufgabe ist. Da gibt‘s irreviel Zeug, was es nur auf so ganz kleinen Indie-Labels rauskam. Lee hat lange in Schweden gelebt, bis vor zwei Jahren und hat da Platten gemacht die keine Sau kennt und die jetzt so langsam alle rauskommen. Naja, auf jeden Fall hab ich Claudia, meine beste Freundin, die mich auch managed, gefragt ob sie nicht mal versuchen will Kontakt herzustellen und tatsächlich wohnt ein Freund von ihm in Berlin, William Walace, der war beteiligt am City Slang Label, die wiederum haben vor Jahren mal einen Tribut-Sampler für Lee Hazlewood initiiert. Tja und so kam der Kontakt zustande. In der Zeit unserer Anfrage war er allerdings sehr krank, und lag im Krankenhaus. Das war scheinbar wirklich hart an der Grenze. Wir haben nach anfänglichem Interesse dann nichts mehr von ihm gehört und haben das für uns schon abgeschrieben, als plötzlich ein Fax von ihm kam, mit 15 Bedingungen die wir erfüllen müssten. Einer der Punkte war Geld, klar, aber alle anderen waren total sympathisch und teilweise wirklich abstrus. Also er wolle nicht First-Class sondern Business-Class fliegen, weil er schliesslich kein Sinatra sei. Er wolle definitiv nicht über Nancy Sinatra reden und lauter so Sachen, das war sehr lustig. Das Fax kam an meinem Geburtstag an, das war dann doch die grösste Sensation an Geschenk, die ich mir vorstellen konnte. Ich hab so nen Geld-Koffer gekauft für das Geld. Er wollt es in bar haben, der alte Fuchs, und zwar wollte er genau die Summe haben, die man aus Deutschland ausführen darf. Das ist gar nicht so viel, aber es ist ne ganze Menge für ein paar Sätze in nem Lied, aber er is ja schliesslich auch Lee Hazlewood.
Stefano: Wie steht‘s im Umkehrfall? Er ist ja auch ziemlich groß für dich, also jemand von dem du Fan bist, wenn jetzt so ein Fan von Dir jetzt auf dich zukommt ...
Bela: Also, ich hab bisher noch nie Geld genommen für Gastauftritte.
Stefano: Nein, nein, ich meine ob du‘s machen würdest!
Bela: Ach so, ob ich‘s machen würde. Ja natürlich, klar, ist doch schon ewig oft passiert. Es kommt natürlich drauf an, was es ist. Es kam mal diese Ostpunkband, diese äh …?
Stefano: Fluchtweg?
Bela: Fluchtweg, genau! Und die haben nen Song über die Ärzte gemacht damals, diesen „30 Jahre Bauch“. Wir fanden den tatsächlich lustig, wir fanden das richtig so, mit so Typen wie uns so umzugehen. So lange das nich so „whää Votze Alter, Votze“ geht, aber das war ja relativ klug, schon ziemlich gut, für ne Punkband, hehe. Die haben mich gefragt ob ich auf der Nachfolge-Platte was mache. Aus Zeitgründen haben wir das dann per Telefon aufgenommen.
Stefano: Bei weiteren Songs bzw. Covers von den JESUS SKINS, WIZO, bist Du mit vertreten. Gibt es weitere Punkbands mit denen Du gemeinsam was aufgenommen hast?
Bela: Ich hab bei MAD SIN was gesungen, bei SODOM, bei A.O.K. , auf der letzten RAMONEZ 77…puh…ich denke da gibt’s noch ein paar mehr ...
Stefano:“Wer steht denn schon auf Gitarristen?“ hör‘ ich dich noch singen, wie fühlt es sich für dich an, jemand anderen hinter der Schießbude sitzen zu haben und selbst die Axt in der Hand zu spüren?
Bela: Na das ist schon gut, und es ist natürlich auch super geil so jemand wie Danny Young hinten sitzen zu haben, der natürlich n Monster am Schlagzeuger ist, halt so ne Rock ‚n‘ Roll Gestalt, der Typ ist ja n richtiger Star. Das ist natürlich fett, wenn du dich dann umdrehst und da sitzt jemand, bei dem ich selber immer auf den Konzerten war. Und was soll ich sonst dazu sagen? Viele fragen immer, sag mal, willst du nicht selber mal wieder spielen? Aber wozu denn? Ich fühl mich mit der Gitarre absolut wohl & geniesse das Posen mit dem Teil.
Stefano: Macht er das so wie du es willst, du hast ja auch Ahnung davon ...
Bela: Also das ist in der Band tatsächlich so, dass der Gitarrist Olsen mehr was zum Schlagzeuger sagt als ich. Ich weiß nicht warum, das ist bei mir wahrscheinlich so ne Sperre im Kopf, dass ich selber nicht das Arschloch sein will. Wahrscheinlich hab ich da irgendwie schlechte Erfahrungen gemacht, wer weiß?
Stefano: Du suchst dir deine Vorband selber aus?
Bela: (Zustimmendes Brummen)
Stefano: Und wenn jetzt andere Bands, Punkrockbands mit Dir auftreten wollen, was müssen die dafür tun?
Bela: Das Problem bei dieser Tour war, also erst hab ich immer Bands ausgesucht mit denen ich befreundet bin, bis auf „Good Heart Boutique“, da war ich vor der Tour nur mit dem Manager befreundet, der mir geschworen hat, dass die geil sind. Alle anderen Bands kannte ich vorher, weiß nicht, irgendwelche Freundschaften halt oder irgendwelche Versprechen irgendwann mal gegeben im Suff in irgendner Kneipe. Gestern hatten wir als Support „She-male Trouble“, alte Freunde aus Berlin, und heute noch mal „Good Heart Boutique“. Letztendlich muss die Band irgendwie originell sein, sie muss mir gefallen, klar, aber das Problem ist halt auch ein finanzielles. Also, die Leute sollen natürlich nicht zahlen bei mir, aber das kostet sie ja trotzdem Geld, Benzingeld, Übernachtung und, und, und. „Good Heart Boutique“ kriegen das immer irgendwo hin irgendwo ne Übernachtungsstelle zu finden und „The Other“ und die „Tracy Lords“ haben da für uns gespielt, wo sie danach wieder nach Hause fahren konnten. Deshalb haben wir auch für einige Gigs Bands genommen, die von ihrer Plattenfirma support bekommen haben, damit sie ihren Bus bezahlen können und sowas.
Stefano: Na, die können da durch Merch und Publicity schon wieder ein bisschen Geld reinholen, denke ich.
Bela: Genau, die Vorbands verkaufen alle ganz gut Merch. Manchmal mach‘ ich auch Werbung dafür. Es gibt eine Band, die wollte ich unbedingt, und die hatten wirklich gar kein Geld. Das ist die einzige Band, denen ich ein bisschen Geld fürs Hotel gegeben hab. Das waren die „Tiki Tiki Bamboos“.
Stefano: Du kokettierst immer wieder mal damit, ein nicht ganz so cleverer Schlagzeuger zu sein, auf deiner Soloplatte empfiehlst du dich als Defekten, worauf beruht der Drang, seine Schwächen als Stärken darzustellen? Ist es ein bewusstes Stilmittel mit Komplexen offensiv umzugehen oder eher ein Marketing-Gag à la Verona Feldbusch? So blöd bist Du in echt ja gar nicht.
Bela: Also, ich halte mich nicht für wirklich blöd, aber du kannst die Frage ja mal im Pankerknacker stellen, hab ich da übrigens schon gelesen. Nee, also natürlich ist Selbstironie immer auch ein guter Trick um dann mit anderen Sachen durchzukommen, ist doch klar. Das ist ganz klar ne Taktik, also, bitte nicht à la Verona Feldbusch, aber dass die Frau das clever gemacht hat, das muss man ihr ja doch zugestehen. Die ist halt genauso bauernschlau wie Dieter Bohlen, wahrscheinlich schlauer, weil sie hat ihn ja ausgenommen und nicht umgekehrt. Und er hat ja glaub‘ ich gar nicht so viel davon gehabt, n paar Mal bei ihr im Bett gewesen und dafür n paar Millionen?! Aber, ganz so unwahr ist es ja oft auch nicht, ich meine, jeden Abend steh‘ ich immer vor der selben Aufgabe ne passende Ansage für den Antinazisong zu finden in so ner Show, wo wir eigentlich immer so zwischen Glamour, dann aber wieder Quatsch hin- und hergehen. Und dann plötzlich wird das ernst und dann geht das um so ein weltliches Thema, da brech‘ ich mir dann öfter total einen ab. Und letztendlich ist es natürlich eigentlich tatsächlich am besten das direkt zuzugeben und zu sagen o.k., ich bin kein Politiker, ich bin nicht rhetorisch geschult und es mag sein, dass es ziemlich unbeholfen klingt was ich hier sage, nichts desto trotz ist das meine Meinung und ich hoffe dass ihr zumindest in diesen polemischen Grundsätzen „Nazis sind scheiße“ irgendwie mit mir übereinstimmt. Das ist dann natürlich wieder ein rhetorischer Trick um mit den Sachen an die Leute ranzukommen
Stefano: Hast du nicht ab und an das Gefühl, vor einem Haufen Vollspacken zu stehen, der dich nicht versteht?
Bela: Nee, das nicht. Ich hab in zwanzig Jahren gelernt, hin und wieder darüber hinwegzusehen, wenn da n paar Halbschlaue stehen, das ist natürlich manchmal aber bei uns/mir eher selten so. Also, ich war bei nem Goldenen Zitronen Konzert, gerade bevor die so diese Wende gemacht haben, da war der Moro noch dabei, und ihr Hit war „am Tag als Thomas Anders starb“, „Kann man ohne Alkohol glücklich sein - nein“ und so Kram und dann spielten die und dann merkte ich was da für ne miese Stimmung herrschte auf der Bühne und im Publikum waren damals wirklich nur besoffene Prolos und Iros mit Oberlippenbärten und alle definitiv keine Verweigerer, alle schön beim Bund. So war das bei den Ärzten ja nie, hoffe ich zumindest. Ich meine, ganz ehrlich, man kann ja auch nicht davon ausgehen, dass man selbst immer ernst genommen wird.
Ich meine, das ist ne Gaudi, aufm Konzert geht‘s zu wie aufm Rummelplatz, du gehst dahin um deinen Spaß zu haben. Klar erzählt der da oben was und dann sagt er „scheiß Nazis“, dann rufen alle „Nazis raus“ und dann machste auch begeistert mit und vielleicht bleibt ja bei n paar Leuten was hängen.
Aber ich kann nicht davon ausgehen, dass 1.200 oder 1.400 das dann auch machen wenn es darauf ankommt und nicht nur in einer Konzerthalle wo voraussichtlich kein einziger Nazi ist. Aber das ist ja leider nun mal immer so. Na ja, es ist wenigstens ein guter Anfang.
Stefano: Stichwort gesellschaftliche Zwangsbegegnungen. Reagierst du wirklich so gelassen wie bei
„1.-2.-3“. beschrieben oder platzt dir auch schon mal der Kragen? Bist du ein Typ zum anfassen und findest du es okay so?
Bela: Naja, ich diskutier schon mit vielen, ich hab nur ganz ganz selten, ich glaub erst zwei drei Mal Auseinandersetzungen, wo es dann auch handgreiflich geworden ist. Das komischerweise immer mit Punkrockern, weil die einen dann immer auch anfassen wollen. Ich versuch halt immer so unangenehmen Begegnungen aus dem Weg zu gehen, das geht jetzt nicht nur um handgreifliche Sachen auch so dieses „Ey, soll ich dir mal ne Geschichte erzählen?“ oder „Ey Alter, wie viel Geld hast du eigentlich so?“ oder ähnlich. Ich hab da schon irgendwie so Tricks um das zu vermeiden. Viele meiner Freunde mit denen ich öfter unterwegs bin, die checken das dann auch schon, manche sind n bisschen härter drauf, die drängeln sich dann dazwischen oder drängen die Leute weg und manche ziehen mich dann auch weg. Hin und wieder gibt‘s dann auch so Codeworte die man sagt, dann werd ich schnell abgelenkt von ner Freundin, „Boah, hey, ich muss dir ganz dringend mal was erzählen“, das geht schon irgendwie.
Stefano: Ist es in Hamburg für Dich lockerer als in Berlin?
Bela: Ich glaub schon, ausser vielleicht auf der Reeperbahn. Da ist der Alkoholpegel immer deutlich höher.
Stefano: Wenn wir jetzt schon in Hamburg sind, könntest du dir, vorausgesetzt du hättest ein paar Zaster auf der hohen Kante, ein ähnliches Sponsoring mit dem FC St.Pauli vorstellen wie es Elton John mit dem FC Watford oder die Konkurrenz mit Fortuna Düsseldorf getan hat?
Bela: Ist n bisschen hypothetisch. Also ich würd‘‚ jetzt keinen Deal mit ner Bierfirma eingehen um dann den Verein zu unterstützen. Ich hab den Verein finanziell unterstützt, aus eigener Tasche in Form von so ner Versteigerung und hab auch schon Sachen umsonst für die gemacht und hab da Tickets verkauft und Werbung gemacht für diese T-Shirts und so. Ich meine mein Engagement für den FC St.Pauli ist eigentlich schon intensiv genug. Ansonsten bin ich froh im Stadion überwiegend in Ruhe gelassen nzu werden. Diesen Freiraum hab ich mir erkämpft. Hab‘ jedem Autogrammjäger oder Leuten mit Kameras in der Hand erklärt, warum das im Stadion nicht geht.
Stefano: Ich erinner‘ mich.
Bela: Hast du mich da mal gefragt oder was?
Stefano: Ja, nach nem gemeinsamen Foto, aber nicht für mich sondern für ein kleines Mädchen und du hast es daraufhin auch zähneknirschend gemacht, hehe.
Bela: Da hast du Glück gehabt. Normalerweise mach ich das wirklich nicht .
Stefano: Du änderst offensichtlich des Öfteren dein Outfit. Kommt es auch schon mal vor, dass du drehbuchbedingt oder auf Wunsch eines Regisseurs für einige Zeit anders aussehen musst als du eigentlich aussehen möchtest? Also ich hab Bilder von dir gesehen, mit nem ganz komischen Schnauzer ...
Bela: Ja, das war natürlich Absicht.
Stefano: Für einen Film, oder?
Bela: Nee, das war Absicht, das war für die Ärzte für diese
Unplugged-Geschichte, das wollte ich irgendwie machen. Leider hab ich einen eher spärlichen Bartwuchs.Das war so ne Idee für diese eine Platte. Die Metaller haben den Punks den Iro geklaut, also klaue ich denen ihren Schnauzer. Ansonsten ein Mal als ich für Edelweißpiraten gedreht habe, da hatte ich ne Glatze rasiert, das musste dann natürlich erst mal wieder nachwachsen. Danach habe ich für mich beschlossen ne Zeitlang keine schwarzen Haare mehr zu tragen, was jetzt bis zu meinem Soloalbum gehalten hat.
Stefano: Was ist schwieriger, ein guter Musiker oder ein guter Schauspieler zu sein? Oder schneller als Musiker Erfolg zu haben oder als Schauspieler?
Bela: Schauspielerei kann man bis zu nem bestimmten Grad lernen sicherlich, man kann Tricks lernen und man kann wenn man ein bisschen intelligent ist durch die Beobachtungsgabe was tun. Also am Anfang ist die Schauspielerei sicher einfacher. Als Musiker musst du erst mal gute Songs schreiben um akzeptiert zu werden. Andererseits kannst du natürlich ein Instrument auch hervorragend lernen und dich dann halt an Leute ranhängen die gute Songs schreiben und als Schauspieler musst du natürlich auch ein gewisses Charisma mitbringen und ne bestimmte Ausdruckskraft um wirklich heraus zu stechen. Deshalb ist beides eigentlich letztendlich vergleichbar, weil es gleich schwer und gleich einfach ist. Doofe Antwort, aber ist halt so.
Stefano: Würde unser Pornoboy ein Engagement aus der Porno-Branche annehmen? Beispielsweise Rob Rotten würde Dir wie Rancid, den US Bombs etc. ein lukratives Angebot unterbreiten. Würdest Du annehmen? Wie wäre Dein Künstlername?
Bela: Also, ich hab schon Angebote gekriegt und ehrlich gesagt, ich habs zumindest mal überdacht. Eines der Angebote, die ich bekam war eher ne kleine Rolle. In so nem Porno-Splatter-Crossover, der auch tatsächlich gedreht wurde. Weil ich im Undergroundfilm bisweilen sehr aktiv bin, sind die Macher auf mich gekommen, aber ich hab dann abgelehnt. Also wenn jetzt Pornografie Bestandteil eines wirklich künstlerischen Films ist, der wirklich was völlig Neues macht, dann würde ich in dem Film evtl. mitmachen. Ob ich auch sexuell aktiv werden würde? Ich glaub ich könnt größentechnisch nicht mit den angesagten Pornostars konkurrieren, ich glaube ich hätt da Angst, dass ich danach dann meine Minderwertigkeitskomplexe nicht mehr unter Kontrolle bekomme.
Stefano: Und die moralische Gewissens-Frage Deiner Freundin gegenüber?
Bela: Ach so! Das ist natürlich ein guter Hinweis. Also, ich glaube das müsste man dann natürlich auch noch mal mit der Frau absprechen und die wäre wahrscheinlich dagegen.
Stefano: Und von deiner Seite aus?
Bela: Von mir aus? Die Frage stellt sich gar nicht so, weil ich würd‘s ja nicht machen... Aber du willst eigentlich nur wissen, würde ich jetzt meiner Frau zu liebe darauf verzichten, wenn ich so gebaut wäre wie ein Pornostar und keine Angst vor Komplexen hätte, richtig?! Also ja, ich glaube ich würde dann ihr zu liebe darauf verzichten. Mit ihr muss ich länger auskommen. So´n Pornodrehtag, ist ja nur ein Tag im Leben und ich glaub ich kann mich über meinen bisherigen Sex im Leben nicht beklagen, insofern muss ich das ja nicht vor irgendeiner Kamera tun.
Stefano: Deinen rechten Arm zierten vor Deinem Autounfall mehr bzw. andere Tattoos. Ist es möglich bzw. risikovoll nach solch erlittenen Verbrennungen die Haut erneut zu tätowieren?
Bela: Ich glaube nicht. Tatsächlich gefallen mir die Brandnarben und die Erinnerungen an die Ursache. Irgendwann werde ich vielleicht ein bisschen davon übertätowieren.
Stefano: Wer außer Florence hat dich noch so tätowiert?
Bela: Bernie Lutter aus Wien hat viel gemacht. Andi Galli aus der Schweiz (Basel).
Stefano: Besitzt Du Tattoos die Du am Morgen danach oder später bereut hast?
Bela: Nö...der Morgen danach ist eigentlich fast das Beste daran. Wenn der Schmerz dich weckt und du unter der ganzen Schmiere nur erahnst, was da Neues in deiner haut steckt.
Stefano: Hast Du Cover-up Tattoos? Und was hast du Dir übertätowieren lassen?
Bela: Jau. Das Weltall auf meinem linken Oberarm überdeckt einen...tata...Kürbis, den mir Kumpels im Suff gestochen haben als ich 16 war.
Stefano: Den Kassierern zollst Du mit „zwei fickende Hunde“ Tribut. Darüber rümpfen doch einige die Nase. Warum glaubst Du werden die Kassierer so gerne missverstanden und als Sexisten bezeichnet?
Bela: Die Kassierer haben doch den meisten Spass am Missverstanden werden, insofern gibts doch gar kein Problem. Was die Ärzte und die Kassierer vereint, ist dieser Wunsch, Unerwartetes zu tun und die Leute dadurch zu Reaktionen zu bewegen. Die Kassierer sind mehr Jazz als wir und haben eine niedrigere Ekelschwelle. Dafür lieben wir den Pop und wir sind sicherlich eitler.
Stefano: Zuerst hast Du den Pank, dann denn Jazz erfunden. HC-Tekkno (a la Atari Teenage Riot) geht wohl auch auf deine Kappe. So langsam wird‘s aber eng was gelungenen Neufindungen bzw. Reformen angeht. Glaubst Du es wird dennoch nochmals was neues cooles kommen oder wird sich die Retro-, Cover- und Abklatsch-Phase aus Mangel an Ideen und Innovation weiter fortsetzen?
Bela: Es gibt immer die Originale und die Epigonen. Von den Originalen gibts nur alle paar Jahre mal einen oder ne Band, die dann oftmals in einem Meer von Epigonen ertrinken. Ich denke, durch die stetig steigende Langeweile, haben Trends immer kürzere Halbwert-Zeiten. Aber da wird demnächst sicher wieder was Grosses kommen. Vielleicht weniger musikalisch, denn durch öffentliche Darstellung.Â
Stefano: Stichwort VIVA, der Klingelton, bzw. Zapping Song betrifft u.a. diesen Sender, denkst Du sie wären so cool contraproduktiv diesen auch zu spielen?
Bela: Da es kein Video zu dem Song gibt, stellt sich die Frage nicht. Aber ich bin denen inzwischen eh zu alt.
Stefano: Fällt es mit zunehmendem Alter schwerer an die Liebe, die ein Leben hält, zu glauben?
Bela: Ach, ich hoffe nicht. Lebe jeden Tag wie deinen Letzten und liebe deine Liebe, als wäre es die letzte. Als Texter, bin ich da optimistischer, als als Lover.
Stefano: Was reizt einen Berliner respektive Spandauer an Hamburg, dass er an die Waterkant emigriert? Warum, wenn schon Umzug, nicht Transsylvanien, jetzt wo Chaucesku gepflöckt wurde, ist doch bestimmt ein Schloss in Rumänien frei geworden.
Bela: Erst der Liebe wegen, dann kam der FC dazu und nun gefällt´s mir zu gut dort um wieder weg zu ziehen. Jedenfalls zur Zeit.
Stefano: Apropos Gitarre runter, wäre das, was sich heutzutage als Rocker schimpft nicht besser bei Techno oder Malen nach Zahlen geblieben?
Bela: Naja, das sind halt die Epigonen, die Leute die einen Trend perfekt kopieren, aber ihr Herz nicht einsetzen
Stefano: Was hat es mit der HOMICIDAL MANIACS St. Pauli Tipp Runde auf sich?
Bela: Das ist ne kleiner Fanclub von 7 Mitgliedern, dem ich angehöre. Der Präsi ist Comic-und Balzac-Fan, deshalb der Balzac-Totenkopf im Emblem. Zusammen tippen wir im Internet die Regional-Liga. Is nur so´n blöder Zeitvertreib.
Stefano: Schon eine Antwort auf was ist nur los mit mir/dir/uns gefunden? Würde mich persönlich interessieren was man gegen nicht nachvollziehende Gefühlsschwankungen sowohl von sich als auch seinem Baby tun kann.
Weiterkämpfen, nicht sofort aufgeben wenns mal schwierig wird.
Stefano: Gibt es weitere Hörspiel/Hörbuch Auftritte außer dem Faust/Mephisto-Duell? Welches sind Deine Lieblingshörspiele?
Bela: Ich hab die VENUS IM PELZ mit Catherine Flemming gesprochen. Einige Hörspiele wie VAMPIRA oder CPT BERLIN VERS. DRACULA und aktuell für die BEAR-FAMILY, LAST ROAD TO MEMPHIS, eine Elvis-Biografie gesprochen.
Stefano: Du fungierst auch als Synchronsprecher, welchen Film- bzw. Serienhelden verpasstest Du bisher Deine Stimme?
Bela: Ich hab für ne MTV-Serie, FREE FOR ALL, eine Figur gesprochen und in dem dänischen Animationsfilm TERKEL IN TROUBLE hab ich alle Figuren gesprochen, von der Grossmutter zum besoffenen Onkel und schreienden Kleinkind. Keider ist der Film im Kino gefloppt.
Stefano: Kommt es tatsächlich ab und an zu dem Klischee-Klassiker, von der Bühne herunter seine Traumfrau im Publikum zu sehen? Kann das einen Routinier wie dich auch heute noch aus der Kontenance bringen? Würde man Dir das als Zuschauer anmerken? Sind die Mädels im Publikum nicht viel zu jung für einen Grafen jenseits der 40?
Bela: Hahaha...tja, nach üblichen Moralvorstellungen vielleicht schon, aber das hier ist ja ein Punk-Fanzine, also gibt es keine moralischen Bedenken.
Stefano: Ein weiteres Problem mit der Naziskiste sind die unpolitischen Dealer die sowohl mit linker als auch rechter Kundschaft kokettieren. Wie wärs mal mit einem Au ruf: Verkauft nicht an Nazis? Keine Lebensmittel, keine Kleidung, keine Hygeneartikel!
Wenn das ginge? Ich denke, das ist den Meisten zu kompliziert. Aber theoretisch ne gute Idee. Sollen die doch verhungern und an ihrem Gestank zugrunde gehen, die Spacken.
Stefano: An dieser Stelle endet das Interview. Die letzten Fragen wurden nach über 2x 25 Minuten Live-Interview letztendlich per mail beantwortet und fielen aufgrundessen etwas kurz aus. Dennoch denke ich, dass dabei noch so einiges rumkam, was Ihr, verehrte Leser, noch nicht über den Grafen wusstet. Zumindest ging es uns so.
Abschließend möchte ich mich recht herzlich bei Bela für seine Geduld und sein Interesse bedanken. Ein Interview-Partner wie man ihn sich nur wünschen kann. Geduldig, redselig, höflich, zuvorkommend. Und das obwohl er es, wie ihr dem folgenden Konzertbericht von Mucki entnehmen könnt, nicht unbedingt leicht mit uns hatte. Ein wahrer Punkrock Gentleman, durch und durch ...
Wer mehr von Bela und anderen coolen Säuen lesen möchte, bestelle sich hier umgehend den neuen Pankerknacker!! Lesegenuß garantiert.