INTERVIEW mit Opa Knack aus Voice of Culture #6
Du hast Interviews bisher immer abgelehnt. Warum machst Du bei mir eine Ausnahme?
Ich wollte meine Kinder heraushalten und warten bis sie aus der Schule sind. Schon schlimm genug, dass die Nachbarskinder mit den Fingern auf sie zeigen.
Sag mal, wie schaffst Du es den PANKERKNACKER mehr oder weniger regelmäßig herauszubringen? Eine Zeit lang sah es so aus, als ob das Heftchen den Bach runtergehen würde. Liegt es allein an den vielen Gastschreibern, die Du dir mittlerweile einlädst?
An ein Ende des Heftes war nie gedacht, lediglich die Veröffentlichungszeitspanne wurde gestreckt. Schließlich sind wir mittlerweile alle um die 30 und haben nebenbei noch einige anderen Aufgaben als uns der Dichtkunst hinzugeben.
Seit der Redaktion allerdings durch einen edlen Fan und Gönner ein Notebook spendiert wurde, schreibt es sich quasi wie von alleine. Die meisten Storys werden direkt in der Kneipe, auf dem Konzert oder den Chaostagen von unseren emsigen Praktikantinnen eingetippt, während wir ihnen trinkend und uns vergnügend die literarischen Glanzleistungen diktieren.
Was bezahlst Du den Gastschreibern dafür? Die üblichen Frei-CD´s, die Du eh nicht schaffst, selber zu besprechen + Gästelistenplätze auf 5 €-Punkkonzerte, ERPRESSUNG (wie bei mir) oder gar sexuelle Gefälligkeiten?
Jeder der schon mal beim Pankerknacker mitgemacht hat, weiß die dadurch erlangten Vorteile zu schätzen. Über Details muss ich mich leider ausschweigen. Die potentiellen Mitschreiber würden uns ansonsten die Bude einrennen.
Du hast sogar Deinen Namen geändert. „Opa Knack“ scheint gestorben zu sein. Was war der Grund dafür? Hast Du Dich einer Verjüngungskur unterzogen?
Einer Verjüngungskur hab ich mich nicht unterzogen. Im Gegenteil. Ich hab’ mir in Polen ein paar schicke Falten durchs Gesicht ziehen lassen. Für eine Handvoll Euros. Bezuschusst durch die örtliche Krankenkasse. Ich hatte es allmählich satt, trotz meiner 34 Jahre bei jedem Spirituosenkauf nach dem Ausweis gefragt zu werden.
Gründe für den neuen Namen gibt es mehrere.
Zum einen sollte mein schizophrenes ich nicht länger hinter einem feigen Pseudonym versteckt werden. Zum anderen wurden wir vom Walt-Disney-Konzern mittels Unterlassungsklage dazu gezwungen, den Namen Opa Knack nicht länger durch lediglich bedingt kindgerechte Geschichten in den Schmutz zu ziehen. Hinzu kam eine empfindliche Geldstrafe. Deshalb mussten wir mit dem letzten Heft auch den kommerziellen Weg mit der Überdosis Reklame gehen.
Der Hauptgrund war allerdings ein privater:
Vor ca. 10 Jahren hatte ich eine Affäre mit einer sardischen Schönheit namens Laura Bua Zona. Ich verliebte mich über beide Ohren in die Signora. Doch sie wollte nur meinen Körper. Alles was mir von ihr blieb, ist die Erinnerung, wie sie mich zärtlich Stefano Stiletti nannte.
Man munkelt sogar, dass Du keinen Alkohol mehr trinkst …. Was ist da dran?
Wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass ich vom Alkohol wohl nicht mehr ganz los kommen werde. Obwohl ich immer wieder, manchmal monatelang, pausiere. Ich versuche so wenig wie möglich zu trinken, was immer noch genug ist. Punkrock funktioniert meiner Meinung leider nur mit Alkohol. Zumindest meine kleine Punkrockwelt. Sad but true …
Erzähl doch mal was über die Anfänge des PANKERKNACKERS. Was hat Dich dazu bewogen ein Fanzine zu starten? Selbstdarstellungstrieb? Aktiv was für die „Szene“ zu tun? Groupies? Hattest Du Mitstreiter oder lief das von Anfang an unter Deiner Regie? Und welche Hefte haben Dich beeinflusst?
Selbstdarstellungstrieb auf alle Fälle. Idealismus ebenso. Damals glaubte ich noch an das große Ding namens Punkrock. An Werte, Umstürze und Revolutionen. Vor allem daran, dass die Punkszene kein Spiegelbild quer durch die Gesellschaft ist, sondern wir die Guten sind, daran dass wir eines Tages die Weltherrschaft übernehmen würden. Auf Groupies spekulierte ich entgegen der üblichen Rock’n’Roll Attitüde weniger. Zumal ich die meiste Zeit liiert und meistens auch treu war. Vielmehr litt sicherlich die ein oder andere Beziehung (was für ein hässlich, chemisch-anatomisch konstruiertes Wort für Liebe) darunter, dass ich soviel Zeit in das Heft oder/und in Punkrock investierte. Vielleicht auch darunter, dass ich einen ausgeprägten Hang zum Exhibitionismus entwickelte.
Zu den Beweggründen zählte wohl eher, dass ich recht schnell bemerkte, dass mir das Schreiben dabei half meine kranke Seele und meine Neurosen zu therapieren. Es half ungemein mir meinen Frust von der Seele zu schreiben. Sei es den familiären als auch den gesellschaftlichen. In meiner Jugend war ich überaus aggressiv, mitunter auch gewalttätig. Die Aggressionen, der Frust und die Unzufriedenheit blieben, gewalttätig bin ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Es half aber auch gegen all die anderen Unannehmlichkeiten. Es half gegen Liebeskummer, Komplexe und Minderwertigkeitgefühle.
Die Idee ein Fanzine herauszubringen entstand 1993 in Konstanz am Bodensee als ich beim Zivildienst mitbekam, dass es außer den Ramones, den Sex Pistols, Normahl und den Dimple Minds noch andere Punkrockbands gab. Dort kam ich mit einer sehr stark ausgeprägten DIY-Szene in Berührung, in welche ich zwar nicht sonderlich gut hineinpasste, welche mich aber dennoch stark beeinflusste. Es entstand die Idee, die Abenteuer eines Freizeitpunks niederzuschreiben.
Seit meinem 13 Lebensjahr, seit Gevatter Alkohol in mein Leben kam, passierten mir ständig die merkwürdigsten Geschichten, welche darauf warteten zu Papier gebracht zu werden. Die Geschichten klingen für Außenstehende teilweise so abstrus, dass diese auch ohne Probleme in Märchenbüchern oder Groschen-Romanen veröffentlicht werden könnten.
Angefangen habe ich aber nicht in Konstanz, sondern erst 1994 als ich in der dörflichen Provinz einen gewissen Jörg Harley, welcher gerade von der schwäbischen Russenmafia verprügelt wurde, kennen gelernt hatte.
Wann erschien die erste Ausgabe und wie war das erste Feedback? Welche Auflage hatte der erste Pankerknacker. Und wie gingst Du damals mit Kritik um? Heutzutage scheint Dir ja positives wie negatives Feedback scheißegal zu sein.
Die Erste Ausgabe erschien im Sommer 1995. Das erste Feedback war erstaunlicherweise vornehmlich positiv, was auf uns wie Kokain wirkte. Was uns doch ziemlich zu schaffen machte. Auf dem Teppich zu bleiben, war nicht gerade eine Tugend, welche wir beherrschten. Vielmehr regierte uns der Größenwahn. Gab es doch mal eine negative Kritik, galt dies als Majestätsbeleidigung und es wurde pubertär zurück geschossen.
War die Region, wo Du herkommst, ausschlaggebend, ein Heft zu starten? In Freiburg wurde ja Dank dem Mitch vieles in Sachen Konzerte auf die Beine gestellt, worüber man ja zwangsläufig Berichten muss. Und könntest Du Dir vorstellen, in Berlin, Hamburg oder Köln zu leben und dort etwas Ähnliches zu starten?
Ich denke Kreativität entsteht vornehmlich in ländlichen Regionen. Dort ist man als Landpanker noch wirklich Außenseiter. Mit all dem Gegenwind, welcher einem durch seine Mitmenschen entgegengebracht wird. Negativerlebnisse prägen und treiben einen an sich zu wehren, etwas dagegen zu tun. Beispielsweise seinen Hass nieder zu schreiben. Wäre ich in einer Großstadt aufgewachsen, hätte ich vermutlich meines Gleichen gefunden und wäre mit anderen Punks abgehangen, anstatt etwas auf die Beine zu stellen. Kreativität und Aktivität entsteht mitunter durch Einsamkeit. Allein schon, wenn ich mir überlege, wie viele 100 Kilometer wir gefahren sind um ein Konzert einer drittklassigen Band miterleben zu dürfen und was wir für ein Fest daraus gemacht haben. Kein Vergleich zu heute, wo ich in Freiburg alles vor die Nase gesetzt bekomme.
Ich könnte mir durchaus vorstellen in Berlin, Hamburg oder Köln zu leben, allerdings eher am Stadtrand, mit Rückzugsmöglichkeit von der so genannten Szene und ihren Exzessen. Hamburg ist ne geile Stadt und in Berlin kenn’ ich mehr coole Leute als in Freiburg. Köln reizt beruflich. Bisher konnte ich mich dazu aber nicht durchringen, weil ich dort die Nähe zum Mittelmeer vermissen würde.
Hier in Berlin ist alles ein wenig gesplittet. Kreuzberg vs. Friedrichshain vs. Hellersdorf vs. Etc… Wie sieht der Punkrock momentan in Freiburg aus? Alles eine kleine Familie? Wie begegnet man neuen, jungen Punks, die sich „einbringen“ wollen?
Von einer Familie kann hier keine Rede sein. Es kann noch nicht einmal die Rede von einer Szene sein. Lediglich die ein oder andere kleinere Zusammenrottung. Hier ein paar Autonome und Aktivisten, da ein paar Emos. Dazu gesellen sich ein paar Skins und Rockabillys. Dann ham wir noch die Strassenpunks. Ein paar frustrierte Altpunks, ein paar Einzelkämpfer. Hauptsächlich aber Studenten und Konzert-Touristen, welche ausschließlich aufgrund der Live-Musik und um zu sehen und gesehen zu werden verkleidet bei den Gigs auftauchen.
Keine Ahnung wie man hier jungen Punks, welche sich „einbringen“ wollen, begegnet. Ich begegne nur jungen Punks die gerade das kleine Sauf-EinmalEins erlernen und überhaupt nicht wissen was DIY ist. Ganz zu schweigen davon, dass hier mal ein neues Fanzine entsteht. Dabei wäre es längst überfällig uns endlich abzulösen. Würde mich freuen, wenn sich da mal welche „einbringen“ täten …
Dein neues Heftchen ist etwas dünner geworden. Dafür vollständig farbig. Abgesehen vom grandiosen Design. Warum setzt Du auf Vollfarbe? Muss man als Fanzine in der heutigen Zeit irgendwie herausstechen? Und wie schaffst Du es, den Preis des Heftes trotzdem relativ günstig zu halten?
Das war lediglich ein Experiment um zu sehen wie weit man gehen kann. Im Nachhinein fand ich den Schritt selbst zu extrem. Zu kommerziell und zu bunt für meinen Geschmack.
Du hast auch ab und zu mal Ausflüge in andere Hefte unternommen (Plastic Bomb, Moloko Plus, …). Gab es für Dich mal Momente, alles hinzuschmeißen und mit dem Heft aufzuhören und sich lieber dafür in gemachte Nester zu setzen, um sich all den negativen Stress, der mit einer Hefterstellung Hand in Hand geht, zu ersparen?
Den Stress mach ich mir selbst. Keine Ahnung warum. Irgendwie mach’ ich mir den sogar gerne. Und das vermutlich noch ne ganze Zeit lang. Klar wollte ich schon oft alles hinschmeißen, hauptsächlich dann, wenn ich daran dachte, wie viel Zeit dabei in meinem Leben drauf gegangen ist und was andere Leute in dieser Zeit für sich aufgebaut haben, wenn ich sehe, dass diese es inzwischen zu „etwas gebracht“ haben und ich immer noch ganz unten am Existenzminimum herumkrebse. Wenn ich mir überlege, wie ich inzwischen leben könnte, hätte ich die Energie, welche ich in das kack Heft gesteckt habe, in meine Existenz, in meinen Geldbeutel investiert. Wenn ich überlege, dass ich inzwischen glücklich sein könnte. Zumindest ein wenig. Und wenn ich merke, dass es allmählich dazu zu spät ist. Ja, immer dann, wenn ich diese Gedanken habe, dann würde ich ganz gerne alles hinschmeißen und alles um mich herum kurz und klein schlagen.
Was hat Dich, wenn es so war, dazu bewegt, trotzdem weiterzumachen?
Der Mut der Verzweifelung.
Es scheint so, dass Dir kein Thema zu blöd wäre, um nicht darüber zu berichten. Gibt es etwas, was Dich reizen würde, noch zu tun und was würdest Du auf keinen Fall in Deinem Heft unterbringen wollen?
Ich würde mal ganz gerne eine Nazi-Band in einem Interview nach Strich und Faden auseinander nehmen, bevor diese mich nach Strich und Faden auseinander nehmen. Oder zumindest die Böhsen Onkelz auf ihrer Reunion-Tour 2009. Es gibt noch so einige von mir hochgeschätzte Persönlichkeiten, welche ich endlich interviewen möchte. Helge Schneider, Gerhard Polt, Georg Schramm …
Nicht ins Heft kommen Emo-Lutscher, Weltverbesserer und sonstige Jammerlappen.
Deine Gimmicks, oft in Form von Beilagen-CD´s, sind immer sehr speziell und einzigartig. Warum sollte für Dich eine Beilage etwas Besonderes sein. Willst Du Dich damit von anderen Heften unterscheiden und nicht nur lieblos eine Beilagen-CD rauszuhauen, um die Auflage zu steigern?
CD-Beilagen als Kaufanreiz sind grundsätzlich Bauernfängerei, auch wenn wir versuchen diese etwas innovativer zu verpacken.
Wie viel Kisten Bier bleiben denn nach einer Produktion eines neuen Heftes für Dich über?
Viel zu wenig für den Arbeitsaufwand. Vielleicht so um die 2300 Hansa-Dosen. Ohne Pfand.
Und wie viel Nerven?
Ich hab nen guten Seelenklempner.
Wie lange, denkst Du kannst oder willst Du Dein Heft noch machen? Ist das eine Frage des Alters oder Aktivitäten oder wirst Du irgendwann „nur“ noch LINDENSTRASSE / 3 ??? – Gedenkhefte rausbringen?
Solange ich der Meinung bin, dass der Inhalt ansprechend ist. So lange ich noch die ein oder andere abgefahrene Story erlebe, welche ich zu Papier bringen kann. So lange ich mich nicht anhöre wie der Opa aus der Wärters-Echte-Werbung und aus Mangel an Input von früher schwärmen muss. Wenn ich sage ansprechend, meine ich übrigens auch ansprechender als beim letzten Heft. Vielleicht aber auch nur so lange bis mir endlich das Wesen über den Weg läuft, das dazu in der Lage ist, mich länger als ein halbes Jahr glücklich zu machen.
Du selbst als auch die Leser von Fanzines stehen auf ausführliche Antworten. Bist Du zufrieden mit dem, was Du hier geleistet hast? Und wie viel Zeit hast Du damit verbracht, Deine Antworten zu verbessern?
Betriebsgeheimnis. Nur soviel, die Vorlage zu einem guten Interview gibt immer der Interviewer. Dann kommt es auf den richtigen Moment an, den ich mir aus Zeitgründen leider nicht aussuchen konnte. Ich hoffe Du bist dennoch zufrieden, ich habe zumindest einige Geheimnisse preisgegeben.