EIN TAG IM LEBEN EINES FANZINERS aus Moloko Plus #31

0 Uhr 00 Absturz auf Geschäftskosten
Scheiss auf Hemingway und Bukowski. Besoffen schreiben funktioniert nur bis zur ersten Flasche Wein. Danach zieht es einen definitiv dorthin, wo es nach Punkrock riecht. Verkatert schreibt es sich bei weitem besser. Restalkohol schmiert die verbliebenen Gehirnrädchen, enthemmt sofern von Nöten, mindert aber nicht die Motivation. Zumal man richtig dosiert weniger über jeden Satz nachdenkt, bzw. sich daran aufhält, und vielmehr aus dem Bauch heraus wie ein Besessener in die Tasten haut. Und das ganz ohne die allzu gern überschätzten, vermeintlich Bewusstseins erweiternden Hippie-Mittelchen, welche eher Träg- respektive Faulheit statt der benötigten Kreativität mit sich bringen.
Deshalb gilt es für eine gute Story zu allererst mal in seiner Lieblingskneipe kräftig zuzulangen. Sozusagen geschäftlich. Angenehmer Nebeneffekt hierbei: Mit etwas Glück erlangt man die ein oder andere göttliche Eingebung. So manch abgefahrener Dialog kann durchaus inspirierende Wirkung nach sich ziehen. So nahe am Zeitgeist gebrochener Gestalten ist man nur am Stammtisch oder auf der Strasse. Verläuft der Abend eher langweilig und die Gespräche geben nichts her, hat man noch immer die Möglichkeit, auserwählten Gästen auf den Schlips zu treten. Man erhofft sich dadurch von der Norm abweichende Reaktionen um diese später verwerten zu können. Vorausgesetzt dass diese brauchbar sind. Auf Dauer will eine gute Story provoziert werden. Ohne eigenes Zutun wartet man oftmals vergeblich auf einen spektakulären Abend. Doch genau danach lechzt der verwöhnte Leser. Er will Blut sehen. Schicksale, Fettnäpfchen, Anekdötchen, Streitereien, Peinlichkeiten … Eben alles was man aus einem versoffenen Abend herauskitzeln kann. Eine Erwartungshaltung, welche man als Literat keinesfalls enttäuschen möchte. Schlechte Storys gibt’s wie Kakerlaken in der Volksküche der örtlichen Wagenburg.
In der Realität ist das knallharter Punkrockjournalismus, der nur aus der Distanz eine Menge Spaß vermuten lässt. Aufgrund der anwesenden Klientel artet das Unternehmen Braindrinking oftmals zum Knochenjob aus. Unglaublich in welcher Masse sich lebendiger Sondermüll auf gerade mal 70 qm stapeln lässt. Würde man alle Anwesenden in einen Sack stecken und blind draufhauen, träfe es oftmals nicht einen einzigen Falschen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Menstruation. So opfert man gelegentlich dann doch den ein oder anderen Bauern. Vom schlechten Gewissen gefickt setzt sich trotz vermeintlicher Sympathie dennoch zumeist das Teufelchen durch und verleitet das Mundwerk dazu, Sätze von sich zu geben, welche sein Gegenüber in dieser Form wohl nicht verdient hätte. „Sometimes it’s a hard job to be a professional unsympath“ …

2 Uhr 00 Drink and Drive
Will man sich nicht völlig abschießen, wird’s allmählich Zeit für den Nachhauseweg. Beim Trampen ignoriert, macht man aus dem Kot eine Tugend und stolpert ins nahe gelegene Auto. Nun gilt es trotz verminderter Fahrtüchtigkeit dem Straßenverlauf des gering frequentierten Promille-Gässchens möglichst unauffällig zu folgen und unkontrolliert nach Hause zu gelangen. Das Taschengeld von der besorgten Frau Gemahlin, welches für das Taxi bestimmt war, wurde konsequenterweise längst versoffen, weshalb einem keine andere Wahl bleibt …

2 Uhr 15 Der Wink mit dem Nudelholz
Nachdem man den Schlüssel endlich ins Schloss gekriegt hat, muss man noch den obligatorischen Anschiss der wartenden, statt wie erhofft tief schlafenden Dame über sich ergehen lassen, welche einem die Theorie des geschäftlichen Exzesses in keinster Weise abnehmen möchte und für solche Eskapaden lediglich Unverständnis übrig hat. Dabei wird im Stile eines echten Gentlemans laut furzend und rülpsend mitsamt Klamotten und Schuhen eingeschlafen, was die Schimpfende nur noch wütender macht. But who cares ...

5 Uhr 30 Wer saufen kann, kann auch aufstehen
Vom Wecker aus dem Bett geprügelt wird widerwillig aufgestanden und eine eisgekühlte Taurin-Guarana-Billigversion hinuntergewürgt. Dabei wird kräftig gejammert, genörgelt, gequengelt und sich selbst bemitleidet …

6 Uhr 00 This Boots are made for walking
Hastig werden die Docs geschnürt. Danach geht’s mit Kapuzenpulli vermummt einmal um den Block um eine gediegene Auswahl an Zeitungen zusammenzuklauen. Wichtig dabei ist, dass man bei der Wahl der Briefkästen variiert. Stets beim selben Nachbarn stibitzen, kann dazu führen, erwischt zu werden, was wiederum eine andere Geschichte ist [siehe nächster Pankerknacker] …

6 Uhr 10 Proviantbeschaffung
Auf dem Nachhauseweg wird noch schnell bei der hübschen Bäckersfrau mit dem einladenden Dekollete eingekehrt. Um sich den harten Arbeitstag zu versüßen gibt’s Brezeln, Brötchen, eisgekühlte Cola und Kinder-Schokolade. Für die noch schlafende Dame zwei Marzipan-Croissants, um deren Groll etwas entgegenzuarbeiten.

6 Uhr 15 Spieglein, Spieglein an der Wand
Während der Morgentoilette mit kaltem Wasser schocktherapieren. Im Anschluss die zahlreichen Falten aus dem zerknitterten Humphry-Bogart-Gesicht bügeln, sofern das noch möglich ist.

6 Uhr 20 Katerfrühstück
bei Frühstücksei, Kamillentee und Cola werden diverse Revolverblätter überflogen und nebenbei die Mails beantwortet. Aus Zeitgründen zumeist in komprimierter Form mit den Worten ja, nein, vielleicht, wofür man sich an dieser Stelle bei den Empfängern durchaus einmal entschuldigen kann.

7 Uhr 00 Herr schmeiß Hirn vom Himmel
Nach dem Gang zur Stempeluhr geht’s pünktlich zur besten Working-Class Stunde endlich ans Eingemachte. Der letzte Artikel fürs Heft will fertig gestellt werden. Das heißt zuerst Stichwörter und Satzfetzen aneinanderreihen, Abschweifungen, Brainstorming, Mindmaping … Aufbau und Struktur entwerfen, der ganze übliche Rotz, der dazugehört ein ansprechendes Storyboard zu erstellen. Die anschließende Suche nach einer brauchbaren Poente ist die härteste aller Nüsse. Wenn’s dumm läuft geht man dabei sogar gänzlich leer aus. Parallel dazu quält man sich durch Berge überwiegend schlechter Promotion-CD’s. An dieser Stelle nochmals die Bitte an alle vermeintlichen Rockstars, nicht gleich ein Tonträger herauszubringen, wenn man meint einen guten Song eingespielt zu haben. Nicht zuletzt im eigenen Interesse.

9 Uhr 00 Telefonterror vs. Telefonsex
Kreative Pause einlegen. Zwischendurch den Mitarbeitern hinterher telefonieren um ihnen eindringlich zu verinnerlichen, dass die Deadline längst verstrichen ist. Sorgenkind Nummer eins hierbei wie immer unser aller kleiner Liebling Jörg Harley. Diesem muss man allerdings zu gute halten, dass es ihm nicht an kreativen Ausreden mangelt, welche einen durchaus zu erheitern verständen, ginge es gerade nicht um Leben und Tod. Vom Terroranschlag auf seinen PC bis hin zum tagelangen Stromausfall war da mittlerweile schon alles dabei. Im Anschluss wird bei der Druckerei um einen Tag Abgabe-Aufschub gebeten. Dabei gilt es den Drucker mit Engelszungen zu bezirzen, um den vereinbarten Liefertermin trotz Nichteinhaltung der Abgabefrist in Anspruch nehmen zu können.

9 Uhr 30 Auf der Flucht
Einmal um den Block gejoggt um den Kopf wieder frei zu bekommen. Vor allem aber um der just in diesem Moment aufstehenden Gattin auf ihrem Weg zur Arbeit nicht in die Arme zu laufen. Hierfür bietet es sich an, unterwegs bei Dr. Satori einen kleinen Zwischenstopp einzulegen. Die von diesem verabreichten Kopfschmerz-Mittelchen wirken leider nicht in dem erhofften Maße. Der Körper hat sich mittlerweile zu sehr an den Wirkstoff gewöhnt. Aber immerhin hat man die benötigte Zeit gewonnen.

10 Uhr 00 Grammatik für Anfänger
Jetzt werden Satzfetzen zu vernünftigen Sätzen geformt, diese gegebenenfalls umgestellt, bis sich die Story flüssig und zusammenhängend liest. Inhalt wird beiweilen durch neue Einfälle bzw. Anekdötchen ergänzt.

11 Uhr 00 Rückgrat stärken
Nun wird der Einbruch ins 11 Uhr Loch durch ein Knoppers und eine zweistündige Fitnesseinheit im örtlichen Anabolika-Center verhindert. Dort gilt es hauptsächlich die strapazierte Schreibtischtäter-Wirbelsäule in Form zu bringen. Bauch, Beine, Po hat man aufgrund jahrelanger Exzesse, welche den Körper rank und schlank hielten, glücklicherweise noch nicht nötig. Guter Vodka setzt nachweislich nicht an. Im Anschluss den Restalkohol in der Sauna verabschieden. Wies der Zufall will, wird sowohl auf dem angesprochenen Spirituosen-Sektor als auch beim Schwitzen die finnische Art bevorzugt.

13 Uhr 00 Schwäbische Küche im badischen Exil
Der Mittagstisch in der Stammkneipe wird zum Essen fassen genützt. Beim Anblick von Spätzle, Kroketten und Salat nach Art des Hauses läuft einem der Gerstensaft frohlockend im Munde zusammen. Insbesondere wenn der Chef della Cousine Mitch the Bitch himself den Kochlöffel schwingt, ähnelt die Mahlzeit einem durchdachten Gedicht längst verstorbener Denker. Das kühl servierte Radler hilft gegen Durst und Brand. Anschließend folgt ein kleiner Verdauungsspaziergang durch das mit etwas gutem Willen mediterran anmutende Müsli-Kaff Freiburg.

14 Uhr 00 Träume sind Schäume
Die Augendeckel werden schwerer und schwerer. Dagegen hilft nur ein kurzes Nickerchen. Vor allem um die geistige Frische zurückzuerlangen, aber auch um in der kurzen Tiefschlafphase neue Eingebungen zu erhalten. Meist träumt man jedoch verstärkt von Dingen, welche man aus Rücksicht auf die örtliche Frauengruppe oder die feministische Volksfront besser nicht zu Papier bringt.

14 Uhr 30 Scheiß auf Dudentenköpfe
Die Story wird mit dem nötigen Feinschliff versehen. Dabei wird hauptsächlich auf die Lesbarkeit geachtet. Im Vordergrund steht der Lesefluss und nicht die Rechtschreibung. Der Kunde und nicht der Duden soll König sein. Komata werden aus dem Bauch heraus gesetzt. Der Leser soll bei der Betonung möglichst so geführt werden, wie es sich der Autor vorstellt. Eine These die sich nebenbei hervorragend dazu eignet, mangelnde orthographischen respektive grammatikalischen Fähigkeiten als elitäres schriftstellerisches Stilmittel zu verkaufen.

15 Uhr 15 Wehmut und Verunsicherung
Eine Freundin, welche ihren Besuch ankündigen möchte, muss zähneknirschend abgewimmelt werden. Die Fertigstellung des Heftes geht vor. Auch wenn man darauf schon längst keine Lust mehr hat. Viel lieber würde man jetzt über duftende Wiesen tollen, den herumwirbelnden Schmetterlingen und Mädchen in ihren kurzen Röckchen beim Schäkern zusehen, die Schwäne füttern oder Drachen steigen lassen gehen … Stattdessen sperrt man sich zu Hause ein um dieses gottverdammte Fanzine fertigzustellen. Kurze Verunsicherung macht sich breit, ob man tatsächlich das richtige tut. Man fragt sich für was das eigentlich gut sein soll. Auf das bisschen Ruhm und Ehre könnte man mittlerweile doch locker scheißen. Und die fette Kohle kommt dabei leider auch nicht rum. Doch der Drang zur Fertigstellung seines Babys setzt sich entgegen jeglicher Logik letztendlich wie immer durch. Man ist sich sicher, dass man dadurch so einiges verpasst und es später einmal bereuen wird, und dennoch macht man weiter …

15 Uhr 30 Der Musikkritiker
Zwischendurch, quasi zur Entspannung, werden die Rezensionen der zuletzt durchgehörten Tonträger verfasst. Weil dabei wie so oft Quantität statt Qualität dominiert, man außerdem leicht gereizt ist, kommen diese nicht sonderlich gut bei weg. So sei keiner Band, keinem Label ein Last-Minute-Review ans Herz gelegt. Vielmehr ist es angebracht die Platten pünktlich zu schicken. Also nicht erst zu dem Zeitpunkt, an welchem ein neues Heft angekündigt wird. Unabhängig davon darf noch angemerkt werden, dass der Kritiker meist von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Vom musizieren schon zweimal nicht, was wiederum keineswegs von Nöten ist. Im Gegenteil, jeder ausgebildete Musikjournalist wäre mit ein wenig Knowhow hoffnungslos überqualifiziert. So zaubert der Fanziner aus seinem Text-Baukasten irgendwelche Floskeln und reiht diese möglichst variierend aneinander. Zu allem Überfluss lässt er jegliche Objektivität vermissen und kann nicht gerade durch ausgeprägten Fachverstand aufwarten. Selbst schuld, wer es in der Erwartungshaltung, ausgerechnet bei seiner Platte liefe das anders, dennoch wissen möchte.

16 Uhr Die Hunde beißen den Letzten
Die Sorgenkinder, welche versprachen um 14 Uhr ihre Artikel abzugeben, werden darauf hingewiesen, dass die Zeit um ist. Nun gilt es die Mitarbeiter bei deren Punkrocker-Ehre zu packen. Das wirkt meist Wunder und wenig später trudeln tatsächlich die noch fehlenden Ergüsse ein. Alle, außer die sehnsüchtig erwarteten Artikel von Jörg Harley. Dem ist nämlich gerade, wies der Teufel will, der Computer abgestürzt, außerdem Café in die Tastatur gelaufen und zu allem Überfluss wurde sein Stofftier von Außerirdischen geschwängert, weshalb er sich nebenbei um die Abtreibung kümmern muss. Kurzum, bei Mister Harley kommt mal wieder alles zusammen, was an einem Abgabetag zusammenkommen kann. Man könnte meinen er reizt die Frist absichtlich bis ans Limit aus, um die Nerven des Chefredakteurs bis zur Zerreisprobe anzuspannen. Vielleicht hätte dieser ihm nie erzählen sollen, dass Rockstars immer zu spät kommen. Jetzt hat er den Salat.

16 Uhr 15 Man hört’s am Ringen schon
Das Telefon klingelt erneut. Es klingelt so energisch, dass man genau weiß wer dran ist. Man geht nicht ran. Stattdessen muss der leidgeprüfte Anrufbeantworter dran glauben, welcher sich so einiges anhören darf. Ganz rote Ohren bekommt er davon. Aus dem Nebenraum vernimmt man einige Wortfetzen, welche einem das angebliche Fehlverhalten der vergangenen Nacht aufrechnen. Vorwürfe die man gerade in diesem Moment überhaupt nicht brauchen kann. Als wäre man nicht ohnehin schon auf 180 und das Nervenkostüm völlig überstrapaziert.
Man beschließt alles hinzuwerfen. Scheiß auf das Heft, scheiß auf die Beziehung, man will endlich wieder frei sein. Frei im Kopf für die schönen Dinge im Leben. Man beschließt in die nächste Kneipe zu gehen und sich diversen Spirituosen hinzugeben.

16 Uhr 30 Bleiben oder gehen
Die frische Luft auf dem Weg zur Kneipe bringt einen zur Vernunft. Man revidiert seinen Entschluss und macht auf dem Absatz kehrt. Das Telefon wird ausgesteckt um seine durch weitere Anrufe ähnlicher Natur entstehenden Aggressionen an der zur Hysterie neigenden Furie seines malträtierten Herzens nicht auszulassen.
Endlich ist Ruhe im Karton. Dennoch ist einem aufgrund der zirkulierenden Wut jegliche Kreativität abhanden gekommen, was einen daran hindert weitere Texte zu Papier zu bringen.

16 Uhr 50 Runterkommen
Dr. Satori liefert ein selbst entwickeltes Baldrian-Valium-Präperat welches einen die Alltagssorgen im Nu vergessen lässt. Für Momente fühlt man sich wie auf Heroin, danach als hätte einem die Anästhesistin die Narkosespritze direkt in die Halsschlagader gejagt.

17 Uhr 00 Zusehen, entspannen, nachdenken
Um die seelische Ausgeglichenheit wieder herzustellen nimmt man ein wohltuendes Beruhigungsbad. Dabei blättert man durch diverse Fanzines, welche noch besprochen werden wollen. Zu den Favoriten zählen hierbei derzeit das Anti-Everything aus Berlin, das Punkrock aus Mannheim, der Gestreckte Mittelfinger aus Wiesbaden, das Sunnyside aus Dresden und das Sabbel aus Freiburg. Mit Abstrichen noch das Moloko Plus, in welchem diverse Kolumnen alter Männer zu gefallen wissen. Mit einem wehmütigen Seufzer bemerkt man, dass ansonsten auf dem Fanzine-Markt die Kreativität, der Elan, das Engagement nachzulassen scheint. Herausragende Ausnahmeerscheinungen wie das Barnabas aus Hamburg, das Alf Garnett aus Sinsheim, das Suburbia aus Bonn, das Zap aus Homburg oder das Wasted Paper aus Rheine scheinen auszusterben. Stattdessen kommen und gehen einige neue Pamphlete, die diesen nicht ansatzweise das Wasser reichen können. Eintagsfliegen, welche es noch nicht mal auf zwei Ausgaben bringen, verschwinden wieder in der Versenkung bevor überhaupt von ihnen Notiz genommen wird. Dies wiederum hat zur Folge, dass die einzig wahre Konstante, das stets aufstrebende, qualitativ aber abfallende Ox, immer größeren Zulauf bekommt und aus Mangel an größeren Alternativen zum meinungsbildenden Monopol ohne Gegenwind aufsteigt.

18 Uhr Latinus Latendels literarisches Säurebad
Die Eindrücke der eben aufgesogenen Ergüsse werden in Rezensionen verpackt. Dabei berücksichtigt man nur noch die wirklich zu gefallen wissenden Zines. Die Zeiten, in denen jedes noch so grottenschlechte Fanzine von vorne bis hinten durchgelesen wurde, sind längst vorbei. Da gibt es bei weitem bessere Literatur, die einem tatsächlich zu entzücken weiß. Und davon nicht zu knapp. Vermutlich sogar vielmehr als man in seinem kurzen Leben Zeit zum Lesen findet.
Außerdem kommt man dadurch umhin, das zweifelsohne vorhandene Engagement eines jeden Fanziners mit einem gnadenlosen Veriss zunichte machen zu müssen.

19 Uhr Wenn die Postfrau zweimal klingelt
Die Praktikantin bringt die Umschläge aus dem bis zum Bersten gefüllten Postfach vorbei. Scheisse noch mehr Promos. Zum Dank für den Botengang darf sich diese einige CD’s an Stelle der allgemein gängigen Entlohnung aussuchen. Schließlich ist man hier in Freiburg, wo der Samen ins Müsli gehört und nicht in Washington, wo Praktikantinnen ihren Chef laut Tarifvertrag sexuell belästigen müssen.

19 Uhr 30 Der unermüdliche Kampf gegen die Windmühlen
Nach einer weiteren halben Stunde Promos anhören hat man endgültig die Schnauze voll und kloppt diese frustriert in die Mülltonne. Stattdessen legt man seine Lieblingsplatten der alten Helden von den Buzzcocks, 999, Cock Sparrer, The Jam usw. auf und genießt die tollen Melodien und das herausragend arrangierte Songwriting.

20 Uhr 00 Das goldene Handwerk
Im mittlerweile geistig desillusionierten Zustand erscheint es unmöglich weiterzuschreiben, weshalb auf das goldene Handwerk des Layouts und der Typographie ausgewichen wird. Hierbei muss nicht gedacht werden. Man kann endlich abschalten. Bei einer guten Flasche Wein sucht man sich gemütlich das notwendige Layoutmaterial zusammen, scheißt auf die während der Grafik-Ausbildung erlernten Regeln und montiert mittels Photoshop und InDesign ein Gestaltungsraster zusammen, bei deren Anblick es den ehemaligen Dozenten die Nackenhaare vor Kraus aufstellen würde. Gediegenes Punkrocklayout, wie es in seiner ursprünglichen Form mit Brittstift, Schere und Schreibmaschine zusammengeschustert wurde. Wurzeln, die man bei aller Technik, bei all den unbegrenzten Möglichkeiten nicht vergessen sollte. Leider wurden diese Wurzeln vor einigen Jahren durch die aufkommende Retrowelle auch von MTVIVA, Werbeagenturen, H&M etc. pp für den Mainstream entdeckt, weshalb es ab sofort nach neuen Wegen zu suchen gilt, was gar nicht so einfach ist. Vielleicht sollte man zukünftig wieder mehr Mut zur Hässlich- statt zur Stimmigkeit an den Tag legen …
So experimentiert man auf der Suche nach einem coolen Layout bis tief in die Nacht hinein, ohne zu merken, dass es draußen schon wieder hell wird und die Flasche Wein längst leer ist.

[Stefano Stiletti aka Opa Knack / Pankerknacker-Fanzine -> Hatemails an ss@pankerknacker.com]